Tagessplitter

Realsatire als reale Tragödie

Der Bundesrat, jenes Gremium, das im Auftrag der Hochfinanz und der Big-Shots aus Industrie und Handel im Politik-Schauspiel den Part der Regierung gibt, also die Pächter der Macht sozusagen, der Bundesrat also hat am 12. Mai 2021 wieder einmal nichts darüber ausgesagt, was mit dem Virus-Chaos tatsächlich geschehen soll. Einmal mehr wurde theatralisch vermerkt, man werde später etwas sagen. Und die versammelten Journalistinnen und Journalisten sitzen da und spielen ihr Lieblingsstück: «das Schweigen der Lämmer». Das heisst, nicht ganz. Wie aus dem Live-Ticker auf bluewin.ch zu entnehmen ist.

«Die nächste Frage dreht sich um das Drei-Phasen-Modell: Ob der Bundesrat garantieren könne, dass die Bevölkerung wieder alle ihre Freiheiten zurückerhalte in der dritten Phase. Berset antwortet, dass die Pandemie gezeigt habe, dass sich nichts garantieren lasse. Aber es sei klar, dass die heutigen Einschränkungen nicht aufrechtzuerhalten seien, wenn alle Willigen ihre Impfung erhalten habe. Es sei aber denkbar, dass einzelne Schutzmassnahmen wie etwa die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr noch eine Weile aufrechterhalten würden.»

Dieser kompakte, erneute oder vielmehr fortgesetzte Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen wurde stillschweigend von den Medienleuten geschluckt. Keine Nachfrage, nichts. Abnicken. Dabei gibt Bersets Aussage sehr wohl Grund zum Hinterfragen.

Erstens wird nun also öffentlich zugegeben, dass die Bevölkerung seit über einem Jahr in Unfreiheit gehalten wird. Allerdings auf perfide Weise, denn man könne eben nichts garantieren, sagt Berset, der seit über einem Jahr ohne Garantieschein unterwegs ist. Gleichzeitig wird die Verantwortung einmal mehr auf den Steuerzahler und Wähler abgewälzt: Selber Schuld, Du Idiot, wenn Du dich nicht impfen lässt, dann bleibst Du halt zuhause, vom Kino und Theater gar nicht zu reden.

Und dann der absolute Hammer. Die Maskenpflicht in Tram, Bus, Bahn und auf Schiffen (besonders auf dem Aussendeck wie man ja seit letztem Sommer weiss), sollen aufrecht erhalten werden. Natürlich ohne irgendwelche Verbindlichkeit in der Aussage, sondern: «noch eine Weile», d.h. einfach bis zur nächsten Pandemie. Das seit geraumer Zeit sehr streng nach realem Sozialismus riechende Umerziehungsprojekt qua Maske soll demnach ad infinitum weiter geführt werden. Nachfrage aus dem Medienpublikum? Fehlanzeige.

Dabei wäre es doch die Pflicht eines aufmerksamen Journalisten gewesen, einmal nachzufragen, woher man denn die Begründung für den Mummenschanz im öffentlichen Verkehr nähme. Wo sind die Analysen, Herr Berset? Wo sind die Nachweise für die Wirkung? Wie steht es mit der Verhältnismässigkeit angesichts halbleerer Züge usw., zumindest ausserhalb der Stosszeiten? Hätte man fragen müssen. Hat man aber nicht. Die Journaille in diesem Land hat den Maulkorb derart verinnerlicht, dass schon gar keine Fragen mehr aus den maskierten Mäulchen fallen.

Die von unserer Regierung, pardon: von den Pächtern der Macht veranstalteten Medienkonferenzen rücken immer näher an die Realsatire. Das passt, weil im öffentlich-rechtlichen Fernsehen dieses Landes Satire ohnehin keinen Platz mehr hat. Zu riskant. Oder ist Divertimento schon Satire oder doch nur verklemmter Pubertätsjux?

Aber es ist sowieso nicht die Zeit für Satire. Was abläuft gleicht eher einer Tragödie, nicht einer griechischen sondern einerealen.

Olten, 12. Mai 2021/SF


Tagessplitter?
Bevor eine Strasse geteert wird, tragen die Strassenarbeiter - nach dem Fundament und der notwendigen Befestigung, dem Grobbelag - eine Art Splitbelag auf, erst dann folgen der Teerbelag, die Walze, die Signalisation. So, wie lange erdachte und bearbeitete Texte entstehen. Und manchmal spritzen ein paar Splitter ins Unbekannte davon. Wem sie ans Bein springen, wird ein paar blaue Flecken mit sich forttragen.